Herzlichen Glückwunsch zum 100. Geburtstag

Brandora Redaktion (Sandra Schlösser)
14. November 2007

 
Hommage an Astrid Lindgren

2007 ist das Jubiläumsjahr zu Ehren Astrid Lindgrens, die am 14. November 100 Jahre alt geworden wäre. Schon während ich dies hier schreibe, spüre ich Unbehagen, denn lieber würde ich schreiben: „….die am 14. November 100 Jahre alt wird.“ Ich glaube, niemand kann ernsthaft behaupten, dass Astrid Lindgren tot ist. Die Gesamtheit ihrer aufgelegten Werke würde aneinandergereiht eine Kette ergeben, die so lang ist, wie der dreifache Erdumfang. Und ich bin guter Dinge, dass all diese Bücher in den Regalen und Kinderzimmern dieser Welt weitergegeben werden an die kommenden Generationen. Gott sei Dank werden die Verlage (in Deutschland Friedrich Oetinger Hamburg, in Schweden Rabén & Sjögren) nicht müde, Astrid Lindgrens Bücher neu aufzulegen. Vor wenigen Wochen ist sogar die bisher unveröffentlichte „Ur-Pippi“ auf den Markt gekommen.

Nun beim Schreiben habe ich den Anfang des Jahres erschienenen Bildband „Astrid Lindgren - Bilder ihres Lebens“ neben mir liegen. Beim Durchblättern bleibe ich an einem Portrait am Ende des Buches hängen, das mir beim Lesen gar nicht so aufgefallen war. Jetzt fasziniert es mich so, dass ich den Blick für viele Minuten nicht abwenden kann. Dieses Gesicht drückt ein ganzes Leben aus. Es bewegt mich so, dass ich irgendwann merke, wie mir die Tränen über das Gesicht laufen. Diese Tränen versetzen mich zurück zum 28. Januar 2002.

Ich stehe gerade in der Küche und bereite das Essen für meine Kinder und mich zu, als ich im Radio die Nachricht von Astrid Lindgrens Tod höre. Zum Weiterkochen bin ich nicht in der Lage und sitze am Küchentisch und weine, als meine Kinder hereinkommen und fragen, was passiert ist. Die Endgültigkeit dieses Todes war für mich in dem Moment verbunden mit dem Gedanken: „Jetzt kann sie nie mehr diese tollen Geschichten schreiben.“ Auch wenn sie das sowieso schon lange nicht mehr tat, hat mich diese Erkenntnis einfach nur traurig gemacht. Vielleicht war es auch unbewusst die Angst, dass damit ein Stück meiner Kindheit gestorben war. Diese Angst hat sich glücklicherweise als unbegründet erwiesen. Ich selber bin zwar weniger mit den Büchern, aber dafür mit den Filmen über Pippi, Michel, Tjorven & Co. aufgewachsen. Erst durch zahlreiche Vorlesestunden mit meinen Kindern, die ebenfalls vom Pippi-Fieber erfasst waren und mittlerweile leider dem Vorlesealter entwachsen sind, erschloss sich mir immer mehr die literarische Lindgren-Welt.

Eine besondere Freude hat es mir bereitet, als ich auf einem Kindergarten-Flohmarkt die Ausgabe von „Michel in der Suppenschüssel“ aus dem Jahre 1964 gekauft habe, auch wenn ich bis heute nicht verstehen kann, wie jemand ein solches Buch verkaufen kann. Die Filme haben natürlich auch bei meinen Kindern ihre Wirkung nicht verfehlt und immer noch macht es mich ganz glücklich in der Weihnachtszeit „Michel“ oder „Madita“ im Fernsehen zu sehen. Sehr ins Herz geschlossen habe ich auch Lotta, so dass ich meinen Sohn getrost habe gehen lassen können, als er mit 10 Jahren beschloss, bei einer Familie in der Nachbarschaft einzuziehen. Solange wie Lotta war er jedoch gar nicht weg. Nach einer Stunde stand er schon wieder mit seiner Tasche vor Tür und ich war froh für uns beide, dass wir diese Erfahrung machen konnten.

Unvergessliche Erlebnisse waren natürlich auch unsere Urlaube in Schweden. Die Besuche von „Astrid Lindgrens Welt“, der Original-Drehorte der Michel- und Bullerbü-Filme sowie eine Tour durch Vimmerby, die auf Näs endete, haben entscheidend zu meiner Lindgren-Begeisterung beigetragen. Wenn ich jetzt etwas über Astrid Lindgrens Leben lese, kann ich mir alles noch viel besser vorstellen. Und wenn ich dann wieder in diese Augen auf dem Portrait schaue, sehe ich unzählige Geschichten, Freude, Liebe, Traurigkeit, Schalk und Weisheit, aber auch Erschöpfung. Auf der Stirn Falten, die mich an einen Baum denken lassen. Ein Baum, der ein Leben erzählen könnte.

Ein Leben, das vor 100 Jahren begann:

Am 14. November 1907 wird Astrid Anna Emilia Ericsson als Tochter von Hanna und Samuel August auf Näs bei Vimmerby im schwedischen Småland geboren. Ihr Bruder Gunnar ist zu diesem Zeitpunkt knapp ein Jahr alt. Später kommen noch die Schwestern Stina und Ingegerd dazu. Zusammen erleben sie eine Kindheit, die geprägt ist von der Ausgewogenheit zwischen Geborgenheit und Freiheit.

„Ja, und sie gaben uns so viel Geborgenheit, diese beiden, die einander so gern hatten und die immer da waren, wenn wir sie brauchten. Aber sonst ließen sie uns alle Freiheit, so dass wir uns glücklich austoben konnten auf dem phantastischen Spielplatz, dem Näs unserer Kindheit“, sagte Astrid Lindgren.

1914 kommt Astrid in die Schule. Sie ist eine sehr gute Schülerin. Ihr Lehrer in der Realschule entdeckt und fördert ihr Schreibtalent.
Im Jahr 1921 veröffentlicht die Lokalzeitung „Wimmerby Tidning“ Astrids Aufsatz „Das Leben auf unserem Hof“. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Oberschule beginnt Astrid im darauf folgenden Jahr ihre Arbeit als Volontärin bei der oben genannten Zeitung.

Im August 1926 verlässt Astrid die Redaktion, offiziell weil sie ein neues Betätigungsfeld sucht. In Wahrheit ist sie im sechsten Monat schwanger, vom Chefredakteur der Zeitung, Reinhold Blomberg. Der 20 Jahre ältere Mann will sie heiraten, doch Astrid lehnt ab. „Lieber den Tod als das. Ich war nicht in ihn verliebt, kein bisschen.“ Um keine Schande über die Familie zu bringen, geht sie aus Vimmerby weg und nach einer kurzen Zeit in einem Heim für werdende Mütter in der Nähe von Jonköping, zieht sie nach Stockholm, wo sie eine Ausbildung als Sekretärin beginnt.

Am 4. Dezember 1926 bringt sie Sohn Lasse in Kopenhagen zur Welt. Dort wird er drei Jahre lang von einer Pflegemutter betreut. In dieser Zeit spart Astrid, die weiter in Stockholm lebt, jede Öre, um ihren Sohn so oft wie möglich besuchen zu können. In den drei Jahren reist sie vierzehn Mal mit dem Zug hin und zurück. „Die drei Jahre, in denen ich nicht mit meinem Kind zusammen sein konnte, waren unerhört schmerzlich. Ich bin ja immer durch und durch mütterlich gewesen und habe dieses Kind wahnsinnig geliebt“, sagt Astrid später über diese schwere Zeit. Als die Pflegemutter krank wird, holt Astrid Lasse zu sich nach Stockholm. Zwischenzeitlich hatte Astrid ihre Ausbildung beendet und arbeitete als Sekretärin. Zuerst bei der Schwedischen Buchhandelszentrale, wo ihr gekündigt wurde, weil sie ein paar Stunden früher das Büro verließ, um ihren Sohn zu besuchen. Sie findet eine neue Anstellung beim Königlichen Automobilclub. Um ihr den Spagat zwischen Arbeit und Kind zu erleichtern, schlägt ihre Mutter Hanna ihr vor, Lasse auf Näs zu betreuen.

Durch ihre Arbeit lernt Astrid ihren späteren Mann Sture Lindgren kennen, den sie Ostern 1931 heiratet. Mit Sohn Lasse wohnen sie in Stockholm.

1934, ein Jahr nachdem erste Märchen („Idiotische Märchen, um mich am Leben zu erhalten.“) von Astrid in Zeitschriften erscheinen, wird Tochter Karin geboren. In den folgenden Jahren ist Astrid in erster Linie Hausfrau, arbeitet jedoch als freie Stenografin für Anwaltskanzleien, den Reichstag und geheim für die Abteilung der Briefzensur des Nachrichtendienstes. Die Familie zieht in die Dalagatan 46, wo Astrid bis zu ihrem Tod lebt. In dieser Zeit beginnen auch die regelmäßigen Urlaube auf Furusund.

Als Karin sieben Jahre alt ist und krank im Bett liegt, bittet sie ihre Mama, ihr etwas von Pippi Langstrumpf zu erzählen. Da Astrid der Name so verrückt erscheint, beginnt sie von einem verrückten Mädchen zu erzählen, das ohne Eltern, aber dafür mit einem Affen und einem Pferd in einer Villa mit Veranda lebt.
Drei Jahre später rutscht Astrid auf Glatteis aus, verstaucht sich den Knöchel und muss ihn vierzehn Tage stillhalten. Da beschließt sie die Geschichten von Pippi Langstrumpf aufzuschreiben und schenkt sie schließlich ihrer Tochter im Jahr 1944 zum zehnten Geburtstag.

Parallel schickt Astrid die Geschichten an den Bonnier Verlag, doch dieser lehnt sie tatsächlich ab, mit der Begründung, Pippi sei einfach zu verrückt. Doch bei Astrid war die Lust am Schreiben ungebrochen. Im gleichen Jahr gewinnt sie mit dem Buch „Britt-Mari erleichtert ihr Herz“ den zweiten Preis für das beste Jugendbuch, vergeben vom Verlag Rabén & Sjögren.Ein Jahr später kündigt der gleiche Verlag ein Preisausschreiben für Kinderbücher an. Astrid gewinnt mit Pippi Langstrumpf den ersten Preis. Von nun an erscheinen fast jährlich neue Bücher und Erzählungen von Astrid Lindgren. Sie arbeitet jetzt halbtags als Kinderbuchlektorin bei Rabén & Sjögren.

  • 1946 Kalle Blomquist, Meisterdetektiv
  • 1947 Die Kinder von Bullerbü
  • 1948 Kati in Amerika
  • 1950 Nils-Holgersson-Plakette für Nils Karlsson-Däumling
  • 1951 Rasmus und der Landstreicher
  • 1954 Mio, mein Mio
  • 1955 Karlsson vom Dach
  • 1956 Noriko-San aus Japan
  • 1957 Kalle Blomquist lebt gefährlich
  • 1958 Die Kinder aus der Krachmacherstraße
  • 1959 Klingt meine Linde
  • 1960 Madita
  • 1963 Ferien auf Saltkrokan + Michel aus Lönneberga
  • 1972 Samuel August von Sevedstorp und Hanna in Hult, Die Geschichte über die innige Liebe ihrer Eltern
  • 1973 Die Brüder Löwenherz
  • 1976 Pomeripossa in Monismanien
  • 1978 schreibt Astrid ihre viel beachtete Rede „Niemals Gewalt“, die sie anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hält
  • 1981 Ronja Räubertochter
  • 1992 Ein Weihnachten in Småland
(Die erwähnten Erscheinungsdaten beziehen sich jeweils auf die schwedische Originalausgabe.)

Die Ideen für diese Bücher und hier nicht genannte Geschichten entspringen zum Großteil der Erinnerung an Astrids Kindheit. Sie selber sagte einmal, man müsse keine Kinder haben, um Kinderbücher zu schreiben, sondern nur selbst einmal Kind gewesen sein. Und das scheint wohl das Geheimnis ihres Erfolgs zu sein, dass sie sich erinnert, wie es war Kind zu sein. Hinzu kommt die Wehmut über das Ende ihrer Kindheit, als sie mit zwölf oder dreizehn Jahren feststellt, dass sie nicht mehr spielen kann. Diese ersten zwölf Lebensjahre konserviert sie zum Beispiel in den Geschichten über die „Kinder aus Bullerbü“ oder „Madita“. In „Michel aus Lönneberga“ schreibt sie die Geschichten auf, die ihr Vater aus der entschwundenen Zeit seiner Kindheit erzählt. Seine Erinnerungen sind so gut, dass er noch genau weiß, wie viel Kronen und Öre er für jede Kuh und jeden Ochsen gezahlt hat, wie es auf den Viehmärkten und den Höfen der damaligen Zeit zuging.

Wenn Astrid von ihrer glücklichen Kindheit redete, dann war darin auch ihre stets währende Liebe zur Natur eingeschlossen. Für sie und ihre Geschwister waren Steine und Bäume fast wie Lebewesen. Noch im hohen Alter ließ sie sich nicht davon abhalten, auf Bäume zu klettern und wenn sie an ihren Lieblingskletterbaum dachte, erinnerte sie sich genau an jede Ausbuchtung im Stamm und an das Gefühl, wie es war, die Füße dorthin zu setzen und wie es sich unter den Füßen anfühlte.

Doch Astrids Bücher handeln nicht nur von purer Idylle. Sie spricht auch Tabuthemen wie den Tod an. Geht es um Einsamkeit, ist auffällig, dass hauptsächlich die Jungen in ihren Geschichten davon betroffen sind, während die Mädchen fast immer die Starken, Wilden und Mutigen sind. Einerseits ist das Schreiben eine Art Flucht aus dem Erwachsenenleben, das ihr zeitweise viel Kraft und Stärke abgefordert hat, zurück in die Sorglosigkeit und Geborgenheit ihrer Kindheit. Andererseits scheint es aber auch die Auseinandersetzung mit dem Schuldgefühl ihrem Sohn Lasse gegenüber zu sein.

Astrid Lindgrens Bücher sind in der Erwachsenenwelt nicht unumstritten, doch ihre Kritiker müssen den Erfolg, den sie bei den Kindern dieser Welt hat, anerkennen.

Ihre Biografie hat diverse Preisverleihungen vorzuweisen. Die Verfilmungen ihrer Geschichten sind nicht minder bekannt und beliebt wie die Bücher.
Auch politisch engagiert sich Astrid Lindgren. Im Jahr 1976, als sie entdeckt, dass sie 102% Steuern zahlen soll, schreibt sie das Märchen „Pomperipossa in Monismanien“, das dazu beiträgt, dass die sozialdemokratische Regierung gestürzt wird. Ebenso setzt sie sich aktiv für den Tierschutz ein. 1985 schreibt Astrid einen Artikel über eine liebeskranke Kuh und betreibt mehrere Jahre Aufklärungsarbeit über die Zustände in Tierfabriken und Schlachthöfen. Zu ihrem achtzigsten Geburtstag bekommt sie von Staatsminister Ingvar Carlsson ein neues Tierschutzgesetz geschenkt, das Astrid Lindgren jedoch "furzig nennt, da es ziemlich verwässert wird.

Ihr Wunsch nach einem größeren finanziellen Ausgleich für Mütter oder Väter, damit diese mehrere Jahre mit ihrem Kind zu Hause bleiben können, fällt bei Carlsson jedoch nicht auf fruchtbaren Boden.

1992 beschließt Astrid Lindgren mit „Ein Weihnachten in Småland“ ihre Schriftstellerkarriere zu beenden. Doch trotzdem nehmen die Ehrungen kein Ende.
1994 erhält sie den Alternativen Nobelpreis.
1995 schenkt ihr die russische Wissenschaftsakademie einen nach ihr benannten Asteroiden.
1997 wird Astrid Lindgren zur „Schwedin des Jahres“ gewählt.
1999 ehrt man sie mit dem Titel „Beliebteste Schwedin des Jahrhunderts“.

Am 28. Januar 2002 stirbt Astrid Lindgren im Alter von 94 Jahren in ihrer Wohnung in der Dalagatan 46. Auf dem Friedhof in Vimmerby in der Grabstätte ihrer Eltern findet sie ihre letzte Ruhe, doch in unseren Herzen lebt sie weiter als das ewige Kind, das unsere eigene Kindheit vergoldet hat.

(Quellenverzeichnis: Das entschwundene Land, Astrid Lindgren / Besuch bei Astrid Lindgren, Kerstin Ljunggren / Astrid Lindgren - Bilder ihres Lebens, Forsell, Erséus, Strömstedt)