Ein ganzes Lebenswerk per Brettspiel nachvollziehen und
das auch noch in verschiedenen historischen Epochen? Ein echtes Mammut-Projekt
hat sich Spieleautor Peter Kuhn mit „Vita“ vorgenommen. Im Interview mit
BRANDORA erklärt Peter die Faszination seiner entstehenden Spieleserie und auch,
wie ihm sein Hintergrund in der Film- und Medienbranche bei der Arbeit an
Gesellschaftsspielen hilft.
Peter, kannst du eingangs einmal erklären, was genau man unter „Serious Games“ versteht?
Als „Serious Games“ werden im analogen Bereich vorrangig
Lern- und Planspiele, die der Wissensvermittlung und dem beruflichen Training
dienen, verstanden. „Ernste“ Inhalte können mit interaktiven Mitteln digital
aber auch analog sehr interessant und unterhaltsamer vermittelt werden.
Projekte in dieser Richtung kommen mir als Spieleautor mit stark thematischer
Ausrichtung sehr entgegen.
Dich selbst treibt das Genre seit geraumer Zeit um.
Da ich in meiner Zeit als Dokumentarfilmer in der Film- und
Fernsehbranche unter anderem auch nebenbei als Planspieltrainer arbeitete, bin
ich mit dieser interaktiven und moderierten Vermittlung von Inhalten vertraut.
Darüber hinaus hatte ich schon seit der Jugend nicht nur ein großes Interesse an
Gesellschaftsspielen und Filmen, sondern auch an Geschichte und Kulturen. Mir
kam früh der Gedanke, dass nicht nur digitale, sondern auch analoge Spiele ein
großartiges Medium wären, Geschichtliches interessant zu vermitteln.
Inwiefern bringst du deinen Hintergrund aus der
Filmbranche in den Brettspiel-Sektor ein?
Durch wenige Worte, Graphiken, einfaches Material und
Spielmechaniken entsteht bei den Spielenden schnell ein ganz eigener Film im
Kopf. Gesellschaftsspiele beflügeln die Fantasie. Gesellschaftsspiele sind Werke.
Ein Spielautor arbeitet in gewisser Hinsicht wie ein Drehbuchautor und führt
dann auch die Regie bei der Herstellung des Prototyps. Spieleautoren testen
selbst, erleben und entwickeln ihr Werk. Viele Gesellschaftsspiele haben dazu
noch eine klare Dramaturgie. Je thematischer ein Spiel ist, umso mehr entführt
es sein Publikum, die Spieler, in eine andere Welt oder sogar in andere Zeiten.
Mehr noch, das Publikum wird zum Protogonisten der Geschichte. Das fasziniert
mich und ich sehe viel Parallelen zwischen diesen Medien.
Worum geht es bei deinem aktuellen Großprojekt „Vita“?
„VITA – born in...“ (Engl.). ist eine analoge Spieleserie,
die ich gemeinsam mit dem Gamedesigner Kevin Blank entwickle. Wir planen diese im
Eigenverlag international fortlaufend herauszubringen. Bei VITA entwickeln die
Spieler einen Charakter in einer bestimmten Epoche der Geschichte und führen
diesen durch ein ganzes Leben, von der frühen Jugend bis ins hohe Alter. Wie sich
dieses Leben entwickelt, soll möglichst gestaltbar sein, da geben wir den
Spielern große Freiheiten. Allerdings sind die Optionen je nach Gesellschaft, Zeit,
Kultur und gesellschaftlicher Position auch beschränkt. Wir arbeiten stark daran,
möglichst viel an historischen Bedingungen und Möglichkeiten zu vermitteln. Wir
recherchieren hierfür nicht nur selbst, sondern arbeiten mit
Geschichtswissenschaftlern zusammen.
Wie bemisst man, wer am Ende des Spiels das
erfolgreichere Leben geführt hat? Geht es, wie damals beim „Spiel des Lebens“
darum, möglichst viel Geld zu verdienen?
In dem Ausspruch „Der Sarg hat kein Regal“ steckt ja viel Wahrheit.
Wir wissen zwar, dass den Verstorbenen überall auf der Welt und in vielen
Epochen doch so einiges mit ins Grab gelegt wurde. Bei VITA konzentrieren wir
uns jedoch auf das Leben. Die zentrale „Ressource“, die von den Spielern und
ihren Charaktere vorrangig zu sammeln, ist „Happiness“, gemeint ist hierbei die
Zufriedenheit im Leben. Auf der anderen Seite spielt Reichtum oder konkret auch
Geld in den meisten Zeiten und Gesellschaften und somit auch bei VITA natürlich
eine wichtige Rolle. Dies bleibt aber immer Mittel zum Zweck. Gelingt es dem
Spieler nicht, Besitz und Geld durch die gewählten Ambitionen und persönliche
Ziele in Zufriedenheit umzuwandeln, bringen das wie andere angehäuften
Sekundärressourcen keine zusätzlichen Punkte bzw. Happiness.
Du möchtest Vita gleich zum Start mit zwei zeitlichen
Perioden auf den Markt bringen. Wäre es nicht geschickter, zuerst mit einer zu
starten?
Wir möchten von Anbeginn überzeugen und beweisen, dass „VITA
born in…“ als Serie funktioniert und jedes Set sich deutlich anders anfühlt und
spielt. Unser Pilot besteht aus zwei Folgen, nicht nur aus einer. Außerdem sind
die jeweiligen Themen sehr entscheidend. Diese werden verschiedene in der
Zielgruppe ansprechen. Wir beginnen mit „VITA - geboren 1902 in Los Angeles“ -
The Dawn of Hollywood -, also mit dem Schwerpunkt Filmindustrie bis in die
frühen 70er Jahre und mit „VITA – geboren 825 in Dänemark“ – The Rise of the
Vikings – in einer sehr expansiven Kultur und Zeit.
Wie stemmst du die detaillierte historische Recherche,
die für jede Ausgabe von Vita notwendig ist?
Nun, wird sind zwei Autoren plus Mitgesellschafter und Team.
Wir haben für die VITA-Entwicklung eine Projektgesellschaft gegründet und
kontaktieren für die historische Recherche international Wissenschaftler und
Experten. Langfristig können wir uns auch vorstellen, weitere Spieleautoren
hinzuzuholen. Oftmals sind diese selbst Experten einer bestimmten Epoche und
Kultur.
In deinem ersten großes Spiel Dragon Dale zielte sehr auf
Fantasy-orientiertes Publikum ab. Nun ist Vita sehr auf realistische
Darstellung ausgelegt. Wie passt das unter einen Hut?
Der Hintergrund zu Dragon Dale ist von der Historie der Isle
of Man inspiriert, ist aber reine Fiktion. Es ist ein komplexes, asymmetrisches
Strategiespiel, das von Kritikern und Spieler besonders dafür gelobt wird, dass
der Mix der Spielmechaniken thematisch stimmig ist und die Spieler tief in die
Backgroundstory führt. Die aufwendige thematische Entwicklungsarbeit bei Dragon
Dale hat sich gelohnt. Die Erfahrung, Effekte und Mechaniken dicht mit dem
Inhalt zu verweben, hilft mir auch bei der VITA-Entwicklung.
Bei der Finanzierung setzt du derzeit auf Crowdfunding
via Kickstarter. Wie sind hier deine Erfahrungen?
Die erste Crowdfunding Kampagne liegt noch vor uns. Sie ist
für August und September dieses Jahres geplant. Wir werden hier ungewöhnlich
schnell Unterstützer mit den Spielen beliefern können, da wir die Vorphase
bereits etwas finanzieren konnten. Kickstarter hat angekündigt, uns auch
besonders zu supporten. Wir werden uns auch auf dem diesjährigen Berliner
Brettspiel Con in Berlin zusammen mit der für Brettspiele wichtigen
Crowdfunding Plattform Kickstarter präsentieren. Durch das Crowdfunding hoffen
wir, VITA von Anbeginn an nahezu weltweit und in mehr als einer Sprachfassung
ausliefern zu können und bekannter zu machen.
Bitte stell zum Abschluss noch das Berlin Board Games
Studio vor, dessen Vorsitz du innehast.
Hierbei eher Ansprechpartner als wirklicher Vorsitz. Das Berlin Board Games
Studio ist ein Netzwerk von Freischaffenden. Wir unterstützen uns hier
gegenseitig. Ob es nun um das Einholen einer weiteren Meinung geht, eine
Kontaktvermittlung, um das Testspielen oder auch professionelle Zusammenarbeit
im Sinne einer Koautorenschaft, vertrauenswürde Kontakte und gemeinsame
Erfahrung sind das A und O unserer Kreativbranche. Dieses offen vorgestellte
Netzwerk besteht aus Spiele-Profis, die sich kennen und schon in diversen
Projekten zusammengearbeitet haben. Kommen Anfragen von außen, z.B. von
Verlagen oder anderen Auftraggebern, informieren wir uns gegenseitig. Die zum
Projekt passenden Freischaffenden des Netzwerkes bieten sich daraufhin an.
Hier der Link zu der Kickstarter-Kampagne von „Vita“:
